- 28.000 Amputationen
- 27.000 Herzinfarkte
- 44.000 Schlaganfälle
- mehr als 8.000 neue Dialysefälle
Die Stoffwechselerkrankung Diabetes beeinflusst nicht nur das tägliche Leben der Betroffenen mit
der Notwendigkeit zu Diät oder dem Spritzen von Insulin, der Gefährdung durch Koma oder
hypoglykämischem Schock.
Mit zunehmender Zeitdauer werden vor allem auch die kleinen Blutgefäße des Körpers, die so
genannte Mikrozirkulation, in vielen Organen nachhaltig geschädigt. Besonders dramatisch
ist die
Auswirkung des Diabetes auf die Mikrozirkulation in unserem wichtigsten Sinnesorgan, dem Auge.
Es kommt zur Schädigung der Netzhaut. Man spricht von der diabetischen Retinopathie, die bei
Diabetikern häufig und für dieses chronische Leiden charakteristisch ist. Diabetische
Augenveränderungen müssen rechtzeitig erkannt werden, damit mit den Möglichkeiten der modernen
Medizin geholfen und das Sehvermögen bewahrt werden kann.
Die diabetische Retinopathie
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: nach zwanzig Jahren mit einem Diabetes Typ 1 leiden
bis zu 95 Prozent der Patienten an einer Schädigung der Netzhaut, unter den Typ 2-Diabetikern
beträgt diese Rate rund 60 Prozent. In den Industrienationen ist die diabetische Retinopathie
die häufigste Erblindungsursache im erwerbsfähigen Alter. Der erhöhte Blutzucker ist der
wichtigste eine Retinopathie auslösende Faktor, doch spielen auch andere Gegebenheiten eine
Rolle, wie erhöhter Blutdruck, hormonelle Umstellungen während Pubertät und Schwangerschaft
sowie hohe Blutfettspiegel.
Man unterscheidet zwei Verlaufsformen der diabetischen Retinopathie:
- Die nicht-proliferative Retinopathie
- Die proliferative Retinopathie
Die nicht-proliferative Retinopathie
Das erste Krankheitszeichen sind kleine, rötliche Punkte auf der Netzhaut, die so genannten
Mikroaneurysmen. Diese Gefäßwand-Aussackungen aufgrund einer Wandschwäche schränken zunächst das
Sehvermögen keineswegs ein, können aber darauf hinweisen, dass sich Schlimmeres anbahnt. Aus den
geschädigten Gefäßwänden kann es zum Austritt von Blut in die Netzhaut kommen, außerdem können
sich auf der Netzhaut Fettablagerungen bilden (harte Exsudate). Die Netzhautgefäße weisen
zunächst Kaliberschwankungen und dann zunehmende Verschlüsse mit Sauerstoffmangelversorgung auf.
Die proliferative Retinopathie
Die Minderdurchblutung (Ischämie) der Netzhaut durch die nicht-proliferative Retinopathie löst
oft einen höchst unerwünschten "Reparaturmechanismus" des Auges aus. Neue, aber für die
Versorgung der Netzhaut keineswegs hilfreiche Blutgefäße beginnen sich zu bilden
(Neovaskularisationen). So entsteht das zweite, gefährlichere Stadium, die proliferative
Retinopathie. Die krankhaften Veränderungen bleiben nicht länger auf das Niveau der Netzhaut
beschränkt. Diese abnormal neugebildeten Blutgefäße und das sie begleitende Gefäßbindegewebe
wachsen in den Glaskörper (die gelartige Füllung des Auges zwischen Netzhaut und Linse) hinein.
Die Gefäßneubildungen (Neovaskularisationen) neigen häufig zu Blutungen. Der Patient bemerkt
dies als eine plötzlich auftretende "dunkle Wolke" im Blickfeld. Dem betroffenen Auge droht vor
allem durch eine andere Eigenschaft dieser Neubildungen Ungemach: Die in den Glaskörper
einwachsenden neugebildeten Gefäße beginnen durch Vernarbung an ihrer Unterlage, der Netzhaut,
zu ziehen, was man als "Traktion" bezeichnet. Durch diesen Zug kann die Netzhaut von der unter
ihr befindlichen Aderhaut abgelöst werden. Diese Netzhautablösung und der Umbau des einst
durchsichtigen Glaskörpers zu einer von Gefäßsträngen und Verwachsungen durchzogenen grauen
Masse stellt das Endstadium des Krankheitsprozesses dar. Das Sehvermögen ist drastisch reduziert
oder völlig zerstört, das Auge ist blind - der traurige Endpunkt der diabetischen Retinopathie
ist erreicht.
Die Makulopathie (Makulaödem)
Bei einigen Patienten kommt es zum Austritt von Flüssigkeit und Blutbestandteilen im Bereich der
Stelle des schärfsten Sehens, der Makula. Man spricht vom Makulaödem, das zu erheblichen
Seheinbußen führen kann.
Was der Patient selbst bemerkt
Das Tückische an der diabetischen Retinopathie ist ihre Symptomarmut in den Anfangsstadien. Die
ersten Mikroaneurysmen und die Exsudate in der Netzhaut führen fast nie zu subjektiven
Beschwerden. Aus diesem Grund liegen bei ca. 30 % der Typ 2-Diabetiker bei Erstdiagnose der
Stoffwechselerkrankung bereits Netzhautveränderungen vor. Nicht selten ist es gar eine
Untersuchung des Augenhintergrundes, die erst den Verdacht auf Diabetes lenkt und zu einer
entsprechenden Abklärung führt.
Erst wenn die Stelle des schärfsten Sehens, die Makula mit betroffen ist, bemerkt der Patient
sehr schnell, dass mit seinen Augen etwas nicht in Ordnung ist. Der Befall dieser Stelle des
schärfsten Sehens führt zu einer deutlichen Sehminderung. Das gleiche gilt für fortgeschrittene
Veränderungen wie die proliferative Retinopathie. Allerdings lehrt die Erfahrung, dass gerade
ältere Patienten das allmähliche Nachlassen der Sehschärfe nicht in dieser Dramatik wahrnehmen.
Die Therapie der diabetischen Retinopathie
Ist die diabetische Retinopathie noch nicht allzu weit fortgeschritten, kann heute durch die
Laserbehandlung der Netzhaut und / oder durch Medikamentengabe in den Glaskörper ein weiteres
Fortschreiten der Gefäßveränderungen verhindert werden.
Die Laserbehandlung erfolgt in Tropfenbetäubung und ambulant. Je früher
Gefäßveränderungen durch den Augenarzt erkannt und behandelt werden, umso sanfter kann die
Behandlung sein und umso besser sind die Ergebnisse. Die Prozedur ist in der Regel nicht
schmerzhaft. Der Patient hat eher das Gefühl, immer wieder mit Blitzlicht fotografiert zu
werden. Anschließend kann er nach Hause gehen oder fahren - letzteres wegen der erweiterten
Pupille nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Beim Makulaödem kann heute auch neben einer fokalen Laserbehandlung eine Medikamentengabe
in den Glaskörper direkt vor die Makula (Anti VEGF Medikamente oder Kortisonpräparate) erfolgen,
ähnlich wie bei der altersbedingten Makuladegeneration. Diese Medikamentengabe muss fast immer
mehrmals in meist monatlichen Abständen erfolgen und erfordert regelmäßige Kontrolltermine und
Messungen der zentralen Netzhautdicke (OCT Messung).
Bei schwerwiegenderen Formen, wie Einblutungen in den Glaskörper und diabetes- bedingten
Netzhautablösungen, kann, dank der Fortschritte in der Netzhaut-Glaskörper-Chirurgie, eine
aufwendige
Operation (Vitrektomie) diese Augen meist noch vor der völligen Erblindung bewahren. Bei der
Vitrektomie
geht es nicht darum, ein normales Sehvermögen wieder herzustellen, sondern eine halbwegs
befriedigende
Funktion des Auges zu retten.
Indem Sie selber auf eine möglichst gute Blutzucker-und auch Blutdruckeinstellung achten, können
Sie
entscheidend zur Vermeidung solcher Spätkomplikationen beitragen.